Wieso kauft Österreich eigentlich Strom aus dem Ausland?

Das Geschäft mit dem Strom: was die Strombilanz über Wasserkraft, Speicher und Unabhängigkeit verrät

Österreichs Strombilanz hat sich innerhalb eines Jahres um mehr als zehn Terawattstunden gedreht. Während 2024 noch mehr Strom exportiert als importiert wurde, sah das 2025 bereits ganz anders aus. Wie kann das sein, wo doch die erneuerbare Stromerzeugung so stark zugenommen hat?

Österreich hat offensichtlich ein Stromproblem, das auf den ersten Blick keinen Sinn ergibt. PV-Anlagen schießen wie Pilze aus den Dächern, Windräder liefern zuverlässige erneuerbare Energie und die Wasserkraft gilt ohnehin seit Jahrzehnten als ein tragender Pfeiler der heimischen Stromversorgung. Trotzdem beziehen wir regelmäßig Strom aus dem Ausland.

Was die Zahlen nicht abbilden

Im Jahr 2024 verzeichnete Österreich laut dem Übertragungsnetzbetreiber Austrian Power Grid (APG) einen Nettoexport von 4.747 Gigawattstunden (GWh), also rund 4,7 Terawattstunden (TWh). Auf Basis der geplanten grenzüberschreitenden Stromlieferungen wurde somit mehr Strom ins Ausland geliefert, als von dort bezogen. 2025 stand plötzlich ein Nettoimport von 5.360 GWh zu Buche. Der Unterschied zwischen den beiden Jahresbilanzen betrug damit ganze 10.107 GWh, also gut 10,1 TWh.

💡 Wie viel sind 10,1 TWh?

Nehmen wir einen durchschnittlichen Zwei-Personen-Haushalt, der laut österreichischem Energieministerium jährlich rund 2.000 bis 2.400 Kilowattstunden (kWh) Strom verbraucht, wenn das Warmwasser nicht elektrisch aufbereitet wird. Die Differenz zwischen den beiden Strombilanzen entspräche damit dem jährlichen Stromverbrauch von ungefähr 4,2 bis 5,1 Millionen solcher Haushalte.

Oder anders gerechnet: Mit einem Elektroauto, das durchschnittlich 20 kWh pro 100 Kilometer benötigt, ließen sich mit dieser Energiemenge rechnerisch rund 50,5 Milliarden Kilometer zurücklegen. Das entspricht mehr als einer Million Erdumrundungen am Äquator.

Diese Entwicklung setzte sich heuer fort. Von Jänner bis August 2026 summierten sich die Nettoimporte bereits auf 5.206 GWh, fast so viel wie im gesamten Jahr 2025.

Österreichs Strombilanz laut APG: 2024 Nettoexport 4,7 TWh, 2025 Nettoimport 5,4 TWh, Jänner bis August 2026 Nettoimport 5,2 TWhNettoexportNettoimport2024: Nettoexport 4.747 GWh (4,7 TWh)+4,7 TWh2025: Nettoimport 5.360 GWh (5,4 TWh)−5,4 TWhJänner bis August 2026: Nettoimport 5.206 GWh (5,2 TWh)−5,2 TWh2024ganzes Jahr2025ganzes Jahr2026Jän. bis Aug.
Abb. 1: Österreichs Strombilanz im grenzüberschreitenden Stromhandel. 2024 überwog der Export, 2025 der Import. Von Jänner bis August 2026 waren bereits rund 97 Prozent des gesamten Nettoimports von 2025 erreicht. Quelle: APG

Ist Österreichs Energiewende also gescheitert? Ist der heimische Ökostrom überschätzt? Oder haben wir uns beim Ausbau der erneuerbaren Energien schlicht verrechnet?

Wenn das Wasser fehlt, fehlt mehr als ein bisschen Strom

Die von 2024 auf 2025 vollzogene Wende beruht auf klimatischen Ereignissen. 2024 war noch ein ertragreiches Jahr für die Wasserkraft gewesen, 2025 sank ihre Stromerzeugung laut APG jedoch von 40.367 auf 30.374 GWh. Dabei handelt es sich um ein Minus von 24,8 Prozent. Die gesamte erneuerbare Stromerzeugung ging im selben Zeitraum um 19,1 Prozent auf 46.662 GWh zurück, während der Stromverbrauch gegenüber 2024 sogar leicht um 0,3 Prozent anstieg. Erneuerbare Quellen deckten damit 78,9 Prozent des Stromverbrauchs ab.

Stromerzeugung in Österreich laut APG: Wasserkraft 2024 40,4 TWh, 2025 30,4 TWh (minus 24,8 Prozent). Erneuerbare gesamt 2024 rund 57,7 TWh, 2025 46,7 TWh (minus 19,1 Prozent)202420252024: 40.367 GWh40,42025: 30.374 GWh30,4Wasserkraft−24,8 %2024: rund 57.700 GWh (aus dem Rückgang von 19,1 % zurückgerechnet)57,72025: 46.662 GWh46,7Erneuerbare gesamt−19,1 %in TWh
Abb. 2: Stromerzeugung aus Wasserkraft und aus allen erneuerbaren Quellen in Österreich, 2024 und 2025. Der Wert für die erneuerbare Erzeugung 2024 ist aus dem von APG genannten Rückgang um 19,1 Prozent zurückgerechnet. Quelle: APG

Diese Zahlen sind bemerkenswert, weil sie einen verbreiteten Denkfehler sichtbar machen: Mehr installierte Kraftwerksleistung bedeutet nicht automatisch mehr erzeugten Strom. Eine Anlage kann nur dann Energie liefern, wenn die dafür notwendigen Bedingungen erfüllt sind. Bei Photovoltaik ist das die verfügbare Sonneneinstrahlung, bei Windkraft die Windstärke und bei der Wasserkraft die Wasserführung. Technik lässt sich ausbauen, aber Regen lässt sich eben nicht einfach bestellen.

Wie unmittelbar sich Wetter auf die Stromversorgung auswirken kann, zeigte sich auch im August 2026. Nach Angaben der APG lag die Einspeisung aus Laufwasserkraftwerken in den Kalenderwochen 32 bis 35 um 43 Prozent unter dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die anhaltende Trockenheit spiegelte sich in weiterer Folge auch in der Strombilanz wider. Während Österreich im August 2025 noch einen Nettoexport von 426 GWh verzeichnet hatte, waren es im August 2026 Nettoimporte von 955 GWh.

Wenn in Österreich also das Wasser als wichtige heimische Energiequelle wetterbedingt fehlt, muss es anderswoher kommen. Das kann durch zusätzliche Produktion aus anderen erneuerbaren Quellen geschehen, durch Speicher, durch steuerbare Kraftwerke oder durch Stromimporte.

Und die Sonne?

Nun könnte man einwenden, dass Österreich doch längst nicht mehr allein auf Wasserkraft angewiesen ist. Der Einsatz von PV und Windkraft nimmt stetig zu, wobei gerade Sonnenstrom auf vielen Dächern inzwischen selbstverständlich geworden ist. Warum gleichen diese Technologien die Ausfälle nicht einfach aus? Ganz einfach: Weil die erneuerbaren Quellen unterschiedliche Stärken und Schwächen haben, die sich nicht automatisch perfekt ergänzen.

PV-Anlagen liefern tagsüber und im Sommerhalbjahr besonders viel Energie. Im Winter, wenn die Tage kürzer sind und die Sonne tiefer steht, sinkt ihr Beitrag jedoch. Windkraft kann diese Lücke zwar teilweise schließen, schwankt aber ebenfalls mit dem Wetter (wie die Wasserkraft). Der saisonale Verlauf der heimischen Stromversorgung ist deshalb komplexer, als die Summe der installierten Anlagen gemeinhin vermuten lässt. Dementsprechend geht aus der Übersicht zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen des österreichischen Energieministeriums auch hervor, dass der Anteil fossiler Stromerzeugung in den kälteren Monaten höher ist als im Sommerhalbjahr.

Die wachsende Bedeutung von Speichern

Trotz des wachsenden Anteils erneuerbarer Energien spielen steuerbare Kraftwerke weiterhin eine Rolle. Im letzten Winter 2025/2026 konnte Österreich die Versorgung laut APG nur aufrechterhalten, weil Gaskraftwerke eingesetzt und Strom aus Nachbarländern importiert wurden. Die APG verweist deshalb auf die Bedeutung von Netzen, Speichern und verfügbarer Kraftwerksleistung für die Versorgungssicherheit. Das mag mit Blick auf den Ausbau erneuerbarer Energien ernüchternd wirken, zeigt letztlich aber nur, dass die Umstellung des Stromsystems mehr umfasst als den bloßen Bau zusätzlicher Windräder und PV-Anlagen. Steigt die wetterabhängige Erzeugung, müssen auch neue Möglichkeiten ausgelotet werden, um Energie zeitlich zu verschieben und Versorgungslücken zu überbrücken.

Infografik zu Speichern: Batteriespeicher verschieben Solarstrom über Stunden bis wenige Tage, Pumpspeicherkraftwerke speichern große Energiemengen über Stunden bis mehrere Wochen. Beim Speichern entstehen Verluste, von 100 Prozent gespeicherter Energie stehen ca. 70 bis 90 Prozent wieder zur Verfügung.

Abb. 3: Batteriespeicher und Pumpspeicherkraftwerke im Vergleich. Quellen: energie.gv.at, APG, E-Control

Speicher können dabei unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Batteriespeicher etwa helfen, Strom über kürzere Zeiträume zu verschieben. Pumpspeicherkraftwerke können Wasser in höher gelegene Speicherbecken pumpen, wenn Energie verfügbar ist, und es bei Bedarf wieder zur Stromerzeugung nutzen. Für beide gilt allerdings, dass das Speichern selbst keine zusätzliche Energie erzeugt. Beim Laden und Entladen entstehen sogar Verluste. Davon abgesehen, ist die Fähigkeit, einen Überschuss einige Stunden zu überbrücken, etwas anderes, als große Energiemengen über Wochen oder Monate hinweg verfügbar zu halten.

Was heißt dann überhaupt Unabhängigkeit?

Die Forderung, Österreich müsse national benötigten Strom selbst erzeugen, klingt zunächst plausibel. Sie verspricht weniger Abhängigkeit von anderen Ländern. Doch eine möglichst autarke Stromversorgung ist nicht automatisch die sicherste oder wirtschaftlichste Lösung. Ein Land, das sich vollständig auf die eigene Erzeugung verlässt, muss auch für seltene, aber schwierige Situationen über ausreichend Kraftwerke, Speicher und Netze verfügen. Auf der anderen Seite sind Importe nicht völlig unproblematisch. Wenn mehrere Länder etwa gleichzeitig wenig erneuerbaren Strom erzeugen, können sie nicht unbegrenzt füreinander einspringen. Außerdem können internationale Leitungen schneller als gedacht an Kapazitätsgrenzen stoßen.

Vor diesem Hintergrund bleibt Österreichs Ziel, den Stromverbrauch bis 2030 bilanziell vollständig aus erneuerbaren Quellen zu decken, grundsätzlich sinnvoll, muss aber richtig verstanden werden. Es geht um die erneuerbare Deckung über das Jahr, nicht um eine Garantie, dass in jeder einzelnen Stunde nur heimischer grüner Strom fließt.

Speichern beginnt im eigenen Keller

Was im Großen für das Stromnetz gilt, gilt auch im Kleinen: Sonnenstrom vom Dach, den du nicht sofort brauchst, lässt sich zeitlich verschieben. Wenn du wissen möchtest, wie du deinen alten Öltank zum Wärmespeicher umrüsten kannst, melde dich gern unverbindlich bei uns!

Jetzt Erstgespräch buchen

Verlinkte Literaturliste

Verfasst von Isabella Walser-Bürgler

Zurück zur Übersicht